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Sie haben Schreckliches erlebt, die Shoah überlebt und sind 70 Jahre später nach Geislingen zurück gekommen - wunderbare Menschen.

Die 5 Lebovics Schwestern

V.l.n.r. Rosalie Simon, Charlotte Weiss, Helen Herman, Lenka Weksberg und Rose Miller

Helen,  Charlotte, Lenka, Rajzi und Rosalie überleben gemeinsam die Shoah. Dies ist ihre Geschichte, die Rosalie in ihrem Buch „Girl in a Striped Dress“, 2014, aufgeschrieben hat. Ihr Vater, Israel Lebovic, geb. 1897, war ein freundlicher, hilfsbereiter Obstgroßhändler. Er arbeitete viel und hatte deswegen nicht viel Zeit für die Familie außer am Shabbat, wo alle zusammen gefeiert haben. Im Jahr 1919 heiratete er die streng orthodox lebende Regina Meyerovitch, geb. 1899. Sie versorgte als Hausfrau und Mutter ihre 9 köpfige Familie.

„Wir waren nicht reich, aber wir waren eine uns nahestehende Familie. Wir hatten ein friedliches und komfortables Leben und ich war glücklich.“ (Rosalie Lebovic Simon, Girl in a Striped und Dress, 2014, S. 4)

Israel und Regina hatten sieben Kinder

Der erste Sohn, Yitzak, wurde 1920 geboren und starb noch als Kind. Ihm folgten 5 Mädchen und ein weiterer Junge. Helen, geb. 1923, war eine professionelle preisgekrönte Designerin und Schneiderin, die die ganze Stadt mit ihren schönen Kleidern ausstattete. Charlotte, geb. 1924, war sehr schön und die rechte Hand der Mutter. Sie half ihr bei allen anstehenden Arbeiten im Haushalt. Lenka, geb. 1926, „the model“, war ebenfalls Designerin und Schneiderin. Sie half Helen. Rajzi, geb. 1928, „the brain“ war ein Mathegenie und Einserschülerin. Zev Wolf (William), geb. 1930, litt unter Gelenkrheumatismus und war herzkrank. Wochenlang war er in Budapest im Krankenhaus und ein guter Fussballer, wenn es ihm gut ging. Rosalie, geb. 1931, war ebenfalls eine interessierte und wissbegierige Schülerin mit sehr guten Noten. Sie konnte wegen des Holocaust nicht das Gymnasium besuchen und die Schule abschließen, was sie bis heute zutiefst bedauert. „Ich ging in eine tschechoslowakische Grundschule, die dann ukrainisch wurde und danach ungarisch. Glücklicherweise war ich jung und passte mich schnell von einer Sprache zur anderen an.“ (a.a.O., S. 9)

Alle Mädchen trugen sehr schöne, von den Schwestern selbst genähte Kleider. Familie Lebovic lebte in der Tschechoslowakei: zuerst in Velka Kriva, dann Kosice udn zuletzt in Teresva in den Karpaten, was heute in der Ukraine liegt. Im März 1939 wurde die Stadt von den Ungarn besetzt und im Jahre 1941 begannen die Schwierigkeiten. Dutzende Juden aus Teresva, unter ihnen der 45-jährige Israel Lebovic, wurden zu ungarischen Zwangsarbeitercamps eingezogen. Sie mussten Eisenbahnschienen verlegen, Brücken und Landebahnen bauen. Eines Tages im Sommer 1941 erschien die Polizei um die Familie nach Polen zu deportieren. Doch weil sie nachweisen konnten, dass sie ungarische Staatsbürger waren, konnten sie noch in bleiben.

Ab 1943 durften jüdische Kinder nicht mehr in die Schule gehen und Anfang 1944 wurden jüdische Geschäfte geschlossen und der gelbe Stern musste an der Kleidung getragen werden. Aber wenigstens konnte Vater Isaak zur Familie zurückkehren. Am 14. April 1944, dem 6. Tag des Passahfestes, klopfte die Polizei erneut an die Tür der Familie Lebovic und teilte ihnen mit, dass sie sich nur mit ihren wichtigsten Habseligkeiten am nächsten Tag auf einem bestimmten Bauernhof einzufinden hatten.

„Wie hätten wir auswählen können, was wir mitnehmen sollten? Was sollten wir zurücklassen? Wir wussten nicht, dass unser Leben in Gefahr war und dass all diese Besitztümer nichts bedeuteten. … Mit Tränen in den Augen und gebrochene Herzen gingen wir aus dem Haus und ließen unseren Frieden und unser Glück zurück.“ (a.a.O. S. 15f.)

Noch in der Nacht wurde die Familie mit den anderen Juden der Stadt ins Ghetto Mateszalka in Ungarn gebracht. Das Ghetto war bereits mit tausenden Menschen überfüllt und so musste die Familie Lebovics etliche Nächte auf einem Friedhof schlafen. Nur das mitgebrachte Essen blieb als Versorgung. Acht Wochen später wurden die Menschen des Ghettos in Viehwaggons nach Auschwitz deportiert, immer 84 Menschen in einen Waggon. Rosalie war die 85. und kam getrennt von ihrer Familie in einen anderen Waggon. Sie war damals 12 Jahre alt. Ohne die Lebensmittel der Eltern, getrennt von ihren Geschwistern war sie ganz allein und auf die Hilfe von Fremden angewiesen, die ihr etwas von ihren kargen Rationen abgaben. „Sogar heut noch, wenn ich einen Zug auf den Gleisen fahren höre, die Pfiffe des Motors, kommen die Erinnerungen an diese Zugfahrt ins Konzentrationslager Auschwitz – Birkenau.“ (a.a.O. S. 19)

Nach einigen Tagen Fahrt wurden die Türen der Waggons geöffnet und sofort begann das Geschrei: Schnell, schnell. Raus! Hunde bellten. Rosalie sprang aus dem Waggon und lief zu ihrer Familie. Regina Lebovic sagte: „Wer wusste schon, dass es hier Krematorien gab? … Ich werde heute Abend nicht die Shabbatkerzen anzünden.“ (a.a.O. S. 19)

DIe Nazis nahmen ihr die Entscheidung darüber ab. Mit 45 Jahren kam sie in die Gaskammer, wo sie erstickte und ihr Körper dann in den Krematorien zu Asche wurde. Rosalie sieht ihrer Mutter von allen Geschwistern am Ähnlichsten. Wenn sie noch leben würde, würde sie so aussehen, wie Rosalie heute.

Auschwitz

Sofort nach der Ankunft in Auschwitz begann die Selektion. Rosalie und ihre Mutter wurden nach links geschickt, der Vater mit den fünf anderen Kindern nach rechts. Links war für diejenigen, die als nicht arbeitsfähig eingestuft waren. Ein jüdischer Häftling, der der SS helfen musste, flüsterte Rajzi zu, ihre Brille wegzuwerfen und Rosalie sollte sagen, sie sei 16. Dann plötzlich, während Rosalie an der Hand der Mutter nach links ging, riss sie sich los und rannte zu ihren Schwestern auf die rechte Seite. Ihre Absicht war, dass auch die Mutter wieder mit den anderen zusammen sein sollte, aber unter den Augen der SS konnten die Mädchen nicht zusammen zur Mutter rennen. Niemand wusste, dass die Menschen auf der linken Seite direkt in die Gaskammer kamen. „War es Instinkt, Glück oder Gott? Ich habe absolut keine Erklärung dafür. Ich war zu der Zeit 12 Jahre alt.“ (a.a.O., S. 22) Israel und die 6 Kinder sahen Regina nie wieder. Sie wurde am selben Tag vergast an dem sie in Auschwitz – Birkenau ankam. Auch William, damals 13 Jahre alt, wurde vom Vater getrennt und nach links geschickt. Ihn ereilte das gleiche Schicksal wie seine Mutter.

Die 5 Lebovic Mädchen mussten sich mit allen anderen Frauen und Mädchen ausziehen, ihnen wurden jegliche Körperbehaarung abrasiert. Dann bekam jede ein blau – weiß gestreiftes Häftlingskleid, auf dem jeweils die Häftlingsnummer angebracht war. Rosalie war Häftling # 20629.

Schon bald war allen klar, dass Auschwitz ein Ort des Todes war, die Hölle auf Erden. Während der Zählappelle halfen sich die Schwestern – geschwächt von Durchfall und Mangelernährung –  gegenseitig, damit sie stehen bleiben konnten bis sie gezählt worden waren. Besonders der jüngsten Insassin von Auschwitz, Rosalie mit 12 Jahren, drohte ständig die Gaskammer. Mehr als einmal zog Charlotte Rosalie aus der linken Todesreihe heraus. Doch einmal wurden die vier älteren Mädchen nach rechts beordert und Rosalie wieder nach links. Sie wurde eingesperrt, schrie hysterisch und war sich sicher, sterben zu müssen, als sich die Tür öffnete und Rosalie gegen eine Mutter, die bei ihrer Tochter bleiben wollte, ausgetauscht wurde. Sie rannte zu ihren Schwestern, die in 5er Reihen vor einem Zug standen, der Auschwitz verlassen sollte. Ihre Schwestern überredeten ein anderes Mädchen mit Rosalie ihren Platz zu tauschen, damit die Schwestern zusammen sein konnten. Doch dann wurde wieder selektiert. Rosalie zitterte am ganzen Körper und war völlig aufgelöst während Lenka versuchte sie zu beruhigen. Kurz bevor Dr. Mengele zu ihnen kam, nahm Lenka Rosalies Hand und wollte direkt mit ihr zum Zug rennen. Doch Charlotte wollte Lenka und Rosalie bewahren und rannte selbst mit Rosalie los.

Wunderbarerweise befanden sich dann doch alle fünf Schwestern im Zug nach Geislingen. „Charlotte sagte mir: Wir haben versucht, dir zu helfen, aber letztlich war es Gott, der dich rettete.“ (a.a.O., S. 39f.)

Geislingen / Steige

Unterwegs nach Geislingen teilten die fünf Mädchen ihr Brot miteinander. Als sie im Konzentrationslager in Geislingen, einem Außenlager von Natzweiler -Struthof, ankamen, fühlten sie sich zunächst „wie im Himmel verglichen mit Auschwitz“ (a.a.O., S. 41) Am wichtigsten war, dass sie keine Flammen oder Schornsteine sahen, die auf Krematorien hinwiesen. Doch immer noch gab es Selektionen. Eine schwangere Frau wurde mit einer Schubkarre aus dem Lager gefahren. Kurz drauf kam die Schubkarre zurück – leer. Wahrscheinlich wurde die Frau erschossen.

An Yom Kippur, dem jüdischen Fastentag, gab es Buttermilch und Kartoffeln. Die SS versuchte, die Mädchen von ihren religiösen Traditionen abzubringen. Aber sie fasteten dennoch. Charlotte konnte aus der Küche immer mal wieder ein paar extra Kartoffeln bekommen. Eines Tages hatte sie gerade wieder welche in ihrem Hemd versteckt als die Gestapo jeden beim Zählappel durchsuchte. Rajzi, 15 Jahre alt, sah die Panik in Charlottes Gesicht, nahm ohne zu zögern die Kartoffeln und rannte zur nächsten Barracke um sie zu verstecken. Dann lief sie schnell wieder zurück an ihren Platz. Niemand verriet sie.

In der Morgendämmerung war Zählappel, um 6 Uhr begann die Tagschicht bei der WMF, sie dauerte bis 18 Uhr. Die Nachtschicht ging von 18 Uhr bis 6 Uhr. Der Weg vom Lager zu Waffenfabrik war lang. Die Mädchen trugen ihre gestreiften Kleider, Holzschuhe, aber noch nicht mal im Winter hatten sie Unterwäsche oder einen Mantel. Während des Marsches zur Arbeit mussten sie deutsche Lieder singen.

Adolf Schoofs

Der Boss der Lebovic Schwestern war Adolf Schoofs, ein kleiner Mann mit Schnurrbart, 49 Jahre alt. Er hatte einen Sohn, den er enteignet hatte, weil er der NSDAP beitrat. Seine Tochter Elsa war ein Jahr älter als Rosalie. Schoofs ermutigte Rosalie: „Rosita, remember, aushalten, Mund halten, durchhalten.“ (a.a.O., S. 46) Er nannte die Mädchen bei ihren Namen und während der Nachtschichten ließ er sie etwas schlafen und hielt Wache, dass sie nicht entdeckt wurden. Als Helen krank war, Asthma hatte und sehr hustete, brachte er ihr Medizin. Er teilte sein Brot und verhielt sich wie ein ehrwürdiger, hochanständiger Mann. Charlotte wurde einmal mit Kartoffeln erwischt. Die SS Kapo schrie sie an und wollte sie anzeigen, aber Herr Schoofs intervenierte. Obwohl er viel kleiner war, konfrontierte er die SS und sagte: „Wenn Sie ein Herz haben, erstellen Sie keinen Bericht über sie. Sie ist eine gute Arbeiterin.“ (a.a.O., S. 47)

Sonntags wurde nicht gearbeitet und Herr Schoofs kam mit seiner Tochter Elsa vor das Lager um ihr zu zeigen, was die Nazis mit unschuldigen Menschen machten. Im März 1945, nur zwei Wochen vor der Befreiung Geislingens, wurden die Lebovic Schwestern mit vielen anderen nach Allach, einem Unterlager von Dachau, evakuiert. Herr Schoofs, der das irgendwie herausgefunden hatte, wartete mit Essenspaketen auf die fünf Schwestern. Als er sie nicht finden konnte, gab er das Paket einer anderen mit dem Auftrag, es den Schwestern zu geben. Das Paket kam jedoch nie bei ihnen an, seine letzte gnädige Gabe.

Befreiung

Nach zwei bis drei Wochen in Allach, die fast so schlimm wie in Auschwitz waren, nur, dass es keine Selektionen gab, wartete der nächste Viehwaggon auf die Schwestern. Ein, zwei Tage fuhr der Zug und dann gab es plötzlich Schüsse. Die Amerikaner befreiten die Mädchen aus dem Zug. Sie waren überglücklich. Als es wieder mehr zu essen gab, wurde Lenka sehr krank. Charlotte brachte sie zum US Army Krankenhaus. Nachdem Lenka wieder gesund war und alle etwas kräftiger geworden waren, wollten sie nach Hause, nach Teresva, fahren – noch immer in ihren gestreiften Kleidern, aber mit ein paar Tüten Brot.

Als der Zug in Prag anhielt, wurde den Mädchen berichtet, dass ihr Vater in Prag im Krankenhaus lag. Er war bis auf die Knochen abgemagert und hatte sich während des Todesmarsches in einem Plumpsklo versteckt bis er befreit wurde. Nachdem Israel das Krankenhaus verlassen konnte, blieben Helen und Lenka bei ihm in Prag, während Charlotte, Rajzi und Rosalie nach Teresva fuhren – immer noch in den gestreiften Kleidern.

Überlebt

In Teresva war alles zerstört. Die Verwandten der Lebovics sind alle in den Gaskammern umgekommen. Was sollte nun werden? Wohin sollten sie gehen? SIe entschieden, nach Usti nad Labem zu ziehen, wo einige Verwandte überlebt hatten. Jede fand Arbeit und sie  konnten ihren Vater unterstützen. Helen und Lenka nähten wieder schöne Kleider. Charlotte heiratete Isaac Weiss, dessen gesamte Familie in Auschwitz ermordet worden war. Sie gingen nach Prag und dann ins DP Camp Gabersee, Bayern und schließlich nach Baltimore, Maryland. Sie bekamen drei Töchter: Renee, Florence und Judy, 6 Enkel und 5 Urenkel.

Lenka heiratete im Jahr 1946 Ervin Weksberg und sie zogen über Israel nach Kanada, wo Lenka heute lebt. Sie hat eine Tochter und einen Sohn, Rosanna und Fred, 5 Enkel und 3 Urenkel. Im September 1949 wanderten Helen, Rajzi, Rosalie (18 Jahre) und ihr Vater nach Amerika aus. Rajzi heiratete Sol 1950 und 1952 heiratete Rosalie seinen besten Freund Sidney. 1955 heiratet Helen Morris Herman. Sie zogen auch nach Montreal, Kanada. Rajzi und Sol haben drei Töchter, Rita, Renee und Debbie und 2 Enkel. Rosalie und Sidney bekamen zwei Söhne und eine Tochter, Mitchell, Ruth and William. 1972 starb Israel Lebovic an einem Schlaganfall.

Alle Schwestern sind heute verwitwet und pflegen immer noch eine sehr enge Beziehung untereinander.