Israel und Regina hatten sieben Kinder
Der erste Sohn, Yitzak, wurde 1920 geboren und starb noch als Kind. Ihm folgten 5 Mädchen und ein weiterer Junge. Helen, geb. 1923, war eine professionelle preisgekrönte Designerin und Schneiderin, die die ganze Stadt mit ihren schönen Kleidern ausstattete. Charlotte, geb. 1924, war sehr schön und die rechte Hand der Mutter. Sie half ihr bei allen anstehenden Arbeiten im Haushalt. Lenka, geb. 1926, „the model“, war ebenfalls Designerin und Schneiderin. Sie half Helen. Rajzi, geb. 1928, „the brain“ war ein Mathegenie und Einserschülerin. Zev Wolf (William), geb. 1930, litt unter Gelenkrheumatismus und war herzkrank. Wochenlang war er in Budapest im Krankenhaus und ein guter Fussballer, wenn es ihm gut ging. Rosalie, geb. 1931, war ebenfalls eine interessierte und wissbegierige Schülerin mit sehr guten Noten. Sie konnte wegen des Holocaust nicht das Gymnasium besuchen und die Schule abschließen, was sie bis heute zutiefst bedauert. „Ich ging in eine tschechoslowakische Grundschule, die dann ukrainisch wurde und danach ungarisch. Glücklicherweise war ich jung und passte mich schnell von einer Sprache zur anderen an.“ (a.a.O., S. 9)
Alle Mädchen trugen sehr schöne, von den Schwestern selbst genähte Kleider. Familie Lebovic lebte in der Tschechoslowakei: zuerst in Velka Kriva, dann Kosice udn zuletzt in Teresva in den Karpaten, was heute in der Ukraine liegt. Im März 1939 wurde die Stadt von den Ungarn besetzt und im Jahre 1941 begannen die Schwierigkeiten. Dutzende Juden aus Teresva, unter ihnen der 45-jährige Israel Lebovic, wurden zu ungarischen Zwangsarbeitercamps eingezogen. Sie mussten Eisenbahnschienen verlegen, Brücken und Landebahnen bauen. Eines Tages im Sommer 1941 erschien die Polizei um die Familie nach Polen zu deportieren. Doch weil sie nachweisen konnten, dass sie ungarische Staatsbürger waren, konnten sie noch in bleiben.
Ab 1943 durften jüdische Kinder nicht mehr in die Schule gehen und Anfang 1944 wurden jüdische Geschäfte geschlossen und der gelbe Stern musste an der Kleidung getragen werden. Aber wenigstens konnte Vater Isaak zur Familie zurückkehren. Am 14. April 1944, dem 6. Tag des Passahfestes, klopfte die Polizei erneut an die Tür der Familie Lebovic und teilte ihnen mit, dass sie sich nur mit ihren wichtigsten Habseligkeiten am nächsten Tag auf einem bestimmten Bauernhof einzufinden hatten.
„Wie hätten wir auswählen können, was wir mitnehmen sollten? Was sollten wir zurücklassen? Wir wussten nicht, dass unser Leben in Gefahr war und dass all diese Besitztümer nichts bedeuteten. … Mit Tränen in den Augen und gebrochene Herzen gingen wir aus dem Haus und ließen unseren Frieden und unser Glück zurück.“ (a.a.O. S. 15f.)
Noch in der Nacht wurde die Familie mit den anderen Juden der Stadt ins Ghetto Mateszalka in Ungarn gebracht. Das Ghetto war bereits mit tausenden Menschen überfüllt und so musste die Familie Lebovics etliche Nächte auf einem Friedhof schlafen. Nur das mitgebrachte Essen blieb als Versorgung. Acht Wochen später wurden die Menschen des Ghettos in Viehwaggons nach Auschwitz deportiert, immer 84 Menschen in einen Waggon. Rosalie war die 85. und kam getrennt von ihrer Familie in einen anderen Waggon. Sie war damals 12 Jahre alt. Ohne die Lebensmittel der Eltern, getrennt von ihren Geschwistern war sie ganz allein und auf die Hilfe von Fremden angewiesen, die ihr etwas von ihren kargen Rationen abgaben. „Sogar heut noch, wenn ich einen Zug auf den Gleisen fahren höre, die Pfiffe des Motors, kommen die Erinnerungen an diese Zugfahrt ins Konzentrationslager Auschwitz – Birkenau.“ (a.a.O. S. 19)
Nach einigen Tagen Fahrt wurden die Türen der Waggons geöffnet und sofort begann das Geschrei: Schnell, schnell. Raus! Hunde bellten. Rosalie sprang aus dem Waggon und lief zu ihrer Familie. Regina Lebovic sagte: „Wer wusste schon, dass es hier Krematorien gab? … Ich werde heute Abend nicht die Shabbatkerzen anzünden.“ (a.a.O. S. 19)
DIe Nazis nahmen ihr die Entscheidung darüber ab. Mit 45 Jahren kam sie in die Gaskammer, wo sie erstickte und ihr Körper dann in den Krematorien zu Asche wurde. Rosalie sieht ihrer Mutter von allen Geschwistern am Ähnlichsten. Wenn sie noch leben würde, würde sie so aussehen, wie Rosalie heute.