Interview aus einem ungarischen Archiv.
In meinem Geburtsort und ständigem Wohnort Taracköz (Teresva), einem Dorf im Karpatenlande in der Nähe von Huszt, betrug die Zahl der Juden 750. Es waren zumeist arme Leute, die sich vom Handel oder vom Handwerk nur kümmerlich ernährten. Die Ghettoverordnung der ungarischen Regierung wurde bei uns am 29.04.1944 vollzogen: an diesem Tage wurde auch ich mit meiner Familie, die aus den Eltern, vier Brüdern und einer Schwester bestand, in das Ghetto Mateszalka gebracht, wo außer den jüdischen Bewohnern dieses Städtchens auch ein Teil der Judenschaft des Karpatenlandes konzentriert wurde. Nach 2 Wochen, am 15. Mai, erfolgte die Deportation nach Auschwitz, wo wir drei Tage später ankamen. Unmittelbar nach der Ankunft in Auschwitz wurde ich von meiner Familie getrennt und seitdem habe ich nichts mehr von ihr gehört. Erst nach meiner Rückkehr hier in Budapest habe ich gehört, dass mein Vater sich angeblich zu Hause befinden soll, doch handelt es sich dabei um ein Gerücht, das ich noch nicht auf seine Richtigkeit nachprüfen konnte.
Ich musste in Auschwitz nicht arbeiten, obwohl ich für arbeitsfähig befunden worden war. Mir kam diese Schonung verdächtig vor und ich befürchtete daher, bei der nächsten oder einer der nächsten Selektionen für arbeitsunfähig erklärt und dann vergast zu werden. Das war das Schicksal vieler Unglücklichen. Einige male hatte ich Glück, aber schließlich, ich war bereits zweieinhalb Monate in Auschwitz, fiel ich doch herein: offenbar war ich infolge des Hungerns und der schlechten Behandlung so heruntergekommen, dass ich nur reif für die Gaskammer geworden war. Im letzten Augenblick kam es aber anders: es hiess, dass für eine dringende Arbeit 700 junge Mädchen ausgewählt werden müssten, die noch am selben Tage von Auschwitz abzuschicken seien. Ich befand mich unter den Siebenhundert, während ungefähr 3000 Mädchen und Frauen, die bei dieser Selektion für arbeitsunfähig befunden worden waren, weggeführt wurden. Was mit ihnen geschah, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass sich unter den Unglücklichen auch zwanzig junge Mädchen aus meinem Heimatdorf befanden, die nie mehr gesehen wurden. Dagegen sind alle meine Landsmänninnen, die mit mir im Arbeitstransport waren, ebenso wie ich wohlbehalten zurückgekehrt.
Der Arbeitstransport der 700 kam von Auschwitz nach Geislingen, wo wir in einer Munitionsfabrik zur Arbeit eingesetzt wurden. Gearbeitet wurde in Tag- und Nachtschicht und die Arbeit war sehr schwer. In der ersten Zeit wurden wir dafür mit einer einigermaßen ausreichender Kost entschädigt, doch wurde diese später mit jedem Tage geringer und schlechter und schließlich wurden Blätter in Wasser gekocht und dieses Zeug wurde uns als „Suppe“ verabreicht. Das war unsere Tageskost, von der wir Kraft für die schwere Arbeit in der Munitionsfabrik schöpfen sollten.
Die Behandlung, die wir von den uns beaufsichtigenden SS-Männern und SS-Frauen erfuhren, war mehr als streng: sie war grausam. Wir wurden häufig, ohne den geringsten Anlass schwer gezüchtigt und auch sonst auf alle erdenkliche Art gequält. Wir waren direkt froh, wenn wir vom Lager in die Fabrik zur Arbeit geführt wurden, weil wir dort anständig behandelt wurden, allerdings soweit die Arbeiterschaft in Betracht kam, die uns sogar ab und zu heimlich Lebensmittel zusteckte. Diese mussten wir sofort verzehren, denn wurde bei einer von uns auch nur eine Kartoffel gefunden, so wurde die Betreffende blutig geschlagen. In der Fabrik arbeiteten außerdem französische und italienische Kriegsgefangene, die alle sehr gut zu uns waren und uns gleichfalls, wo sich nur die die geringste Möglichkeit dazu bot, etwas Essbares zusteckten. Nachdem ich etwas über acht Monate in Geislingen gearbeitet hatte, kam die Front so nahe, dass man uns weiterführte, und zwar nach Allach. Aber schon nach zwei Wochen hatte sich die Front bereits auch Allach genähert, und so wurden wir wieder einwaggoniert und fuhren acht Tage hin und her, ohne- wegen der Frontnähe- irgendwo bleiben zu können. Schließlich kamen wir nach Landsberg. Aber auch dort stiegen wir nicht aus, da man nicht wusste, wohin mit uns. Wir blieben also in den Waggons, bis nach zwei Tagen die Amerikaner in Landsberg einmarschierten und uns befreiten. Die Begleitschaft, SS-Leute aus Ungarn, die alle fließend ungarisch sprachen, ergaben sich mit dem Hauptsturmführer an der Spitze, den amerikanischen Truppen.
Anmerkung: dieses Interview muss kurze Zeit nach Kriegsende in Ungarn geführt worden sein. Es stammt aus einem ungarischen Archiv.
Lt. Transportliste ist Rella Resmovics am 13.07.1925 geboren.