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Bella Moskovits

Bella Moskovits, verh. Lebovits

Interview verfasst am 29. Juni 1945 in Budapest in dem Heim des Nationalen Pflegekomitee der DEGOB Deportierten/ Elisabeth Frauenschule, Ajtose Dürer Allee Nr 37

Name: …..
Geboren: Beregkövesd, 28. September 1925
Beruf: Hausfrau
Letzter Wohnort: Beregkövesd
Konzentrationslager: Beregszasz
Birkenau 20. Mai 1944 – 20. Juli 1944
Geislingen 20. Juli 1944 – 15. April 1945

Allach 15. April – 01. Mai 1945

Oben genannte Person berichtet Folgendes:

In Beregkövesd lebten etwa 300 jüdische Familien. Sie waren Handwerker, Händler und Landarbeiter. Auch Ärzte und Anwälte waren unter ihnen. Die Juden hatten keine guten Lebensumstände, lebten in Armut und haben hart gearbeitet.

Mein Vater war Schreiner und Landarbeiter und wir arbeiteten viel, um unseren Lebensunterhalt zu sichern. 
 

Die ersten antijüdischen Maßnahmen begannen 1939, als man die gesamte jüdische Bevölkerung des Dorfes ausrotten wollte. 1941 begann man Gewerbelizenzen zu entziehen und Betriebe zu enteignen. Besonders ein Mann namens Ferenc Papp beanspruchte die jüdischen Geschäfte für sich.

In unserer Gegend grassierte eine große Typhusepidemie, deshalb konnten sie uns Anfang Mai nur nach Beregszas, ins Ghetto bringen. Dieses befand sich auf einem Bauernhof, wo die Juden aus drei Dörfern zusammengepfercht waren. Dort lebten tausend Familien. Die Gendarmen trieben uns auf den Kirchhof und erklärten uns, dass wir kein Geld und Gold mitnehmen dürften. Doch jeder hoffte mit etwas Brot sein Leben retten zu können. Und so gaben nicht alle ihre Wertsachen her. Viele gaben natürlich alles. Wir gaben alles, was wir besaßen, den Gendarmen. Auch deutsche Soldaten kamen ins Ghetto und wir mussten drei Schritte Abstand zu ihnen halten. Sie drohten uns zu erschießen, falls wir näherkommen.

 
Dann nahmen sie uns das Silberbesteck, die Kerzenleuchter, Uhren usw. weg. Alle hatten Angst und wer etwas besaß, gab es ihnen. Die Männer gruben Schanzen und Gruben. Wir nahmen unser Essen mit. Wir bekamen von niemanden etwas.

Eines Tages kam der Befehl unsere Bärte abzuschneiden. Dazu war aber keine Zeit mehr, da wir in Waggons verladen wurden. Am 16. Mai 1944 wurden wir in Waggons verladen. In einem Waggon waren sechzig Personen. Sie gaben uns Wasser und wir nahmen Brot mit. Für uns zu siebt gab es ein Brot, das für vier Tage reichen sollte. 

Die Deutschen haben uns von den Ungarn in Kosice (ung. Kassa) übernommen. Ich weiß, dass sie in dem anderen Waggon kein Wasser gaben und viele von ihnen starben, als sie dort ankamen. Es war dunkel, die Tür war verschlossen, und es war eine furchtbare Reise. 

In Birkenau angekommen, ging unser Vater alleine. Wir gingen eine Weile mit unserer Mutter. Dann wurden wir von ihr getrennt. Sie ging mit den drei kleinen Kindern – unseren Schwestern – und ich blieb bei meiner Schwester. Zuerst kamen wir ins Badhaus, wo wir all unsere Habseligkeiten, Schuhe, Kleidung usw. abgeben mussten. Stattdessen bekamen wir Sträflingskleidung und alte Schuhe. Uns wurden die Haare kahlgeschoren. Wir wurden in einem Block mit tausend anderen Frauen eingepfercht, wo an Schlaf nicht zu denken war, weil wir so dicht aneinander lagen. Dreizehn von uns schliefen in einem Bett (einer Holzpritsche). Wir waren in Regalen (Stockbetten) übereinandergestapelt und manche schliefen sogar unter den Betten. 

Ständig wurde abgezählt, ob alle da sind. Wir sahen dort weder Menschen noch Bäume, wir waren wie Gefangene. Der Block war von Stromleitungen umgeben. (Stromleitungen = elektrischer Zaun ??)

Wir durften die Toilette nicht benutzen. Das hat uns sehr zugesetzt. Wir bekamen Essen in schrecklich schmutzigem Geschirr. Anfangs konnten wir es ertragen, weil uns der Appetit vergangen ist. Deshalb aßen wir oft lieber nichts, so dreckig war es. 

Es gab Wanzen und Schmutz und wir wurden komplett von Läusen bedeckt, als unsere Haare anfingen zu wachsen. 

Wir mussten oft Appel stehen. Wenn jemand nicht mehr stehen konnte, in die Hocke ging oder sich hingesetzt hat, mussten alle zur Strafe auf den Knien Appell stehen. Wenn jemand etwas falsch machte, wurden wir alle bestraft.

Die Deutschen riefen uns zweimal täglich zum Appell, egal ob es regnete oder schneite, wir mussten immer draußen stehen. Viele Menschen brachen vor Hunger, Schneefall und der eisigen Kälte zusammen. Hunderte fielen um, und der Aufseher gab uns nicht einmal etwas Wasser, damit wir es ihnen geben. Während des Zählappells starben viele Menschen durch das stundenlange Stehen. Wir taten den ganzen Tag nichts anderes. Unser Frühstück war Zählappell, unser Mittagessen war Zählappell. Abends durften wir in unsere Baracken und dort herrschte absolute Stille. Man durfte nicht sprechen.

Arbeiten mussten wir nicht. Im Morgengrauen – es war noch dunkel -standen wir auf zum Appell, und wenn wir weinten, sagten die Kommandanten: „Da ist das Krematorium, dort haben sie eure Eltern verbrannt“, und leider stimmte das. Sie haben uns nachts aufgeweckt und damit erschreckt, dass sie uns ins Krematorium bringen. 

Die Selektionen fanden täglich in verschiedenen Blöcken statt. Ob klein oder groß, ob dick, dünn oder schwach – sie nahmen alle, grad wie sie wollten. Alter spielte keine Rolle, sie waren gnadenlos. Ich hielt meine Schwester immer fest, weil ich große Angst hatte, dass sie mir weggenommen würde. Sie sahen das und nahmen mir meine Schwester weg und ich weinte die ganze Zeit.

Morgens bekamen wir etwas bitteren Tee, dann stellten wir uns zu fünft auf und wurden durchgezählt. Wir mussten uns zu fünft eine Schüssel teilen, in der wir uns wuschen und aus der wir tranken. Um 9.00 Uhr gingen viele Leute in die Küche, um zu helfen. Zu dieser Zeit wurde das Mittagessen an Tausende verteilt. 

Es war sehr kalt und uns war sehr kalt. Wir sparten mit dem Essen um Strümpfe oder einen kleinen Mantel von denen zu kaufen, die schon vor uns dort gewesen waren. Wenn sie uns damit sahen, nahmen sie uns das sofort weg und schlugen uns noch dafür. 

Wer erkältet war und Durchfall hatte, durfte nicht hinaus (zur Toilette), selbst wenn er weinte. Dieses Leid war furchtbar. In der Zeit, als wir nicht auf die Toilette gehen durften, geschahen schreckliche Dinge, so schrecklich, dass es sich kaum aussprechen lässt.

Wir wurden von Birkenau nach Geislingen gebracht. Dort arbeiteten wir in einer Munitionsfabrik. Wir hatten 12-Stunden-Schicht im wöchentlichen Wechsel zwischen Tag- und Nachtschicht. Es gab zwei Fabriken (vielleicht Abteilungen in verschiedenen Gebäuden). Wir bedienten Maschinen, arbeiteten an Tischen oder mussten Waren zwischen den „Fabriken“ hin und her transportieren. Ich arbeitete an einem Tisch. Viele der Maschinenarbeiter hatten ihre Hände oder Finger dort verloren. Wir waren sehr müde und dösten ein, aber die Maschinen liefen weiter, und dann passierten die unglückseligen Dinge. 

Wenn in der Fabrik jemand einnickte, so notierte die Aufseherin die Häftlingsnummer und meldete sie im Lager. Morgens um sieben Uhr gingen wir nach Hause, machten Appell und man zählte uns durch, um sicherzugehen, dass niemand zurückblieb. Plötzlich wurde diejenige aufgerufen, deren Nummer notiert war. Sie musste hingehen, wusste aber natürlich nicht, warum. Man fragte sie: „Was hast du gemacht?“ Antwortete sie „nichts“, wurde sie geschlagen und ihr wurde eine Strafe auferlegt, weil sie eingeschlafen war. Die anderen gingen schlafen, aber sie musste weiterarbeiten. Sie musste in der Kälte auf dem Boden mit Spitzhacke, Schaufel und Spaten arbeiten. Den ganzen Tag bekam sie kein Essen und abends musste sie wieder arbeiten (in der Fabrik). Wenn sie wieder einschlief, denn das war ohne Schlaf und ohne Essen unmöglich zu vermeiden, wurde sie am nächsten Tag nicht bestraft, sondern so lange geschlagen, bis sie völlig erschöpft war. Sie schlugen die Leute so brutal, dass alle voller blauer Flecken waren. Sie wurde vom vielen Weinen krank und landete im Krankenrevier. Von dort kam niemand lebend heraus.

In der Fabrik waren sie zufrieden mit uns. Wir arbeiteten sehr viel. Eine Freundin von mir wurde vom Vorarbeiter so sehr ausgebeutet, dass sie schwer erkrankte, eine Lungenentzündung bekam und starb. Sie war erst 19 Jahre alt. 

Unser Essen war so schlecht, dass Leute verhungerten. Da war eine Mutter mit zwei Kindern, die den extremen Hunger nicht mehr ertragen konnte. Sie ging zum Lagerführer und sagte ihm, dass unser Essen gestohlen wird und wir bekommen dann nichts mehr zum Essen. Der Lagerführer rief daraufhin die Küchenarbeiterin zu sich, die jede Menge Ausreden hatte. Daraufhin wurde die Frau so brutal geschlagen, dass sie ohnmächtig wurde. Ihre beiden Töchter und das ganze Lager sahen das mit an, und alle mussten 5 Stunden Arrest absitzen. 

Es gab viele Kranke. Unser ganzer Körper war voller Wunden und Ausschläge, und viele von uns starben daran. Ich kann es gar nicht beschreiben, aber uns Blut war schon verdorben, wir waren ständig krank und viele starben.

Es gab eine Zeit, da gingen wir in unserem Hunger zur Müllkippe, um Kartoffelschalen aufzusammeln und zu essen. Wir kauten auf den Knochen herum, die die Kommandanten abgekaut hatten. Wir waren furchtbar hungrig. Wenn wir dabei erwischt wurden, nahmen sie uns das weg und schlugen uns grausam. Die Leute wurden gezwungen zu stehlen. Sie standen nachts auf und gingen in die Keller, um Kartoffeln zu holen. Wenn das jemand sah, bekam derjenige ein oder zwei Wochen lang kein Brot. Man nahm es ihm als Strafe und ließ ihn noch mehr hungern. Viele von uns bekamen Magenprobleme, Magenkrämpfe und alle möglichen anderen Magenbeschwerden. Jeder wurde geschlagen, der beim Stehlen erwischt wurde.

Ein typischer Fall war folgender: In der Küche wurden Kartoffeln geschält. Versehentlich wurde eine Kartoffel mit Schale weggeworfen. Wir suchten diese im Müll. Aber wir wurden erwischt und wir bekamen 25 Hiebe auf den nackten Körper. 

Später bekamen wir eine juckende Krankheit, die uns sehr zu schaffen machte, weil wir uns ständig kratzen mussten. Wenn jemand nur eine Laus hatte und der andere seine Kleidung darauf legte, war im Nu der ganze Block und dann das ganze Lager voller Läuse. Sie nahmen uns unsere Kämme weg und so bekamen wir auch Kopfläuse. Deshalb schnitten sie uns immer wieder die Haare. Manchen fangen gerade erst wieder an die Haare zu wachsen. So oft wurden sie schon geschoren. 

Später gab es in der Fabrik keine Arbeit mehr und wir mussten im Lager arbeiten. Schützengräben ausheben und so weiter.

Sie sahen, dass der Feind näherkam und so brachten sie uns nach Allach. Dort gab es ein großes Lager, in dem wir auch Männer sahen. Wir gingen nachschauen, ob wir unseren Vater oder Bruder unter ihnen finden. Als die Wachen das bemerkten, kamen sie und schlugen uns brutal zusammen. Sie sagten: „Hier gibt es keinen Vater oder Bruder, hier sind nur Gefangene.“

Die polnischen Aufseher waren deutsche politische Gefangene (wurden als Kapos eingesetzt). Selbst ohne Befehle schlugen sie uns wegen der kleinsten Kleinigkeit. Sie waren den Deutschen treu ergeben, was sich darin zeigte, dass sie uns schlugen und zur Arbeit zwangen. Wir mussten auf die Felder gehen, Grasbüschel abschneiden und vor die Wohnblöcke der Wachen legen. Damit diese einen schönen Anblick vor ihren Wohnungen hatten. 

Es war bitterkalt in Allach und der Hunger war so groß, dass wir in zwei weiteren Wochen verhungert wären. Wir hatten die ganze Zeit gehungert und konnten es nicht mehr aushalten. Wir mussten hart arbeiten und die Menschen waren sehr schwach. Ich war nicht krank, ich konnte nur nicht mehr stehen und zitterte am ganzen Körper. Sie brachten mich mit einem Transport aus Allach weg. Unterwegs mussten wir eine Woche lang von trockenem Brot und wenig Wasser leben. Der Zug fuhr immer vorwärts und rückwärts, bis wir schließlich in Tirol ankamen. Dort trafen wir die Amerikaner auf einem Feld. Und von da an hatten wir eine gute Zeit. Wir wurden mit Essen versorgt. Allerdings waren unsere Mägen so ausgetrocknet, dass wir kaum etwas essen konnten und uns sowohl vom Essen wie auch vom großen Hunger übel wurde. Doch nach und nach gewöhnten wir uns wieder ans Essen und erholten uns langsam.

Das alles weiß ich aus eigener Erfahrung.

Ich würde gerne nach Palästina reisen und mich dort niederlassen.

Das Protokoll verfasste: Kandel Klara

Beglaubigt: unleserlich

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Anmerkungen: 

  • Angaben in Klammern werden der Verständlichkeit halber hinzugefügt.

  • Der Zug mit den KZ-Gefangenen sollte angeblich nach Tirol fahren, wurde aber auf der Fahrt dorthin in Iffeldorf/Staltach, in der Nähe des Starnberger Sees, von der US-Armee befreit. 

  • Bello Moskovits, verh. Lebobits hatte im KZ-Aussenlager Geislingen die Häftlingsnummer 20680

  • Aufgrund einer Karteikarte ist anzunehmen, dass Bella und ihre Schwester Mali (geb. 12.10.1922, Nr. 20681) das KZ-Geislingen überlebten.